Zwei Monate in einer indischen Grossstadt
Architektur-Workshop in Ahmedabad, 20. Februar - 20. April 2005
In Anschluss auf meine Diplomarbeit an der Fachhochschule in Burgdorf habe ich an einem Architektur-Workshop in Indien teilgenommen. Zusammen mit weiteren Studenten aus der Schweiz, Deutschland und Indien haben wir in zehn Wochen ein Projekt zu städtischem Wohnbau erarbeitet.
Während den vergangenen neun Wochen nahm ich an einem Architektur-Workshop der Vastu Shilpa Foundation teil. Die VSF ist die Forschungsabteilung des Architekturbüros von Balkrishna Doshi. Der heute über 70 jährige Doshi ist einer derjenigen Architekten, der noch mit den Grossen der Moderne zusammengearbeitet hat.
Nach seinem Studium in Indien konnte Doshi bis 1950 in Paris im Büro von Le Corbusier arbeiten. Wieder zurück in seiner Heimat war er ab 1954 mit der Bauleitung an Projekten seines ehemaligen Meisters in Ahmedabad beauftragt und entwickelte hier seine eigene Formensprache. Zu jener Zeit arbeitete er auch für den Amerikaner Louis I. Kahn am Bau des Indian Institute Of Management (IIM) mit. Doshi's diverse Lehrtätikeiten und Professuren in Europa, in den USA und aber auch in Indien selber, machten aus ihm einen Architekten mit einem enormen Wissen an westlicher und traditioneller östlicher Architektur.
Unsere Workshop hatte den Titel "Habitat Design In The Urban Context" und handelte damit von Wohnungsbau in städtischem Umfeld. Indien hat ein riesiges Bevölkerungswachstum, und die Städte wachsen in rasantem Tempo. Viele Leute kommen in der Hoffnung auf Arbeit vom Land in die Stadt und werden hier aus Geldmangel gezwungen in Slums am Siedlungsrand zu hausen. Diese werden jedoch nach einiger Zeit von der Stadt eingeholt und liegen daher plötzlich mitten im Stadtgebiet.
Ein Areal mit einem solchen Slum war unser Projektierungsgebiet. Auf den 40'000 m² sollten rund 1000 Wohneinheiten an 25 m² für die jetztige Slumbevölkerung erstellt werden. Dazu kamen 100 Wohnungen für die mittlere Einkommensklasse und etwa 10'000 m² Fläche für kommerzielle Nutzungen. Für die ganze Siedlung sollten zudem öffentliche Einrichtungen wie ein Health Centre, eine Craft Gallery, eine Primary School und eine Community Hall mit Library und Open Air Theatre geplant werden. Alles in allem ein sehr umfangreiches Programm.
In der ersten Woche hier in Ahmedabad besichtigten wir einige wichtige Bauten in und um die Stadt und lehrten die typische gujarati Küche ausgiebig kennen. Die 25 Teilnehmer kamen zum grössten Teil aus Deutschland, dazu je sechs aus der Schweiz und Indien. In der folgenden Woche nahmen wir dann das Projekt in 4er-Gruppen in Angriff. Als erstes besuchten wir das Slum mit dem auffälligen Namen "Hollywood". Die Begegnungen mit den Menschen hier hat viele starke Eindrücke hinterlassen. Es ist erstaunlich wie glücklich die Leute scheinen, obwohl sie kaum materielle Werte besitzen. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt als Hausangestellte, durch das Bauen von bunten Figuren und anderen kleinen Tätigkeiten, die den meisten von ihnen ein bescheidenes Einkommen bieten. Das Hollywood ist ein Slum mit einer bereits 200 jährigen Geschichte und gleicht deshalb eher einem kleinen Dorf, das jedoch aus allen Nähten platzt. Auffallend sind die unglaublich vielen Kinder, die sich auf jedes Foto bemühen. Alte Leute dagegen gibt es kaum; ein Zeichen dafür, dass viele an den schlechten hygienischen Bedingungen und an schlimmen Krankenheiten leiden. Vergangenen Samstag konnten wir unsere Projektabeiten an der Final Presentation einer Jury aus verschiedenen indischen Architekten vorstellen.
Der Workshop hier in einer indischen Millionenstadt war alles in allem ein spannendes Erlebnis mit einem grossen Schatz an Erfahrungen, fachlicher und vorallem auch menschlicher, bei dem man viel über die eigene Kultur bei uns in Europa lernt und einem die Augen für die kleinen, alltäglichen Sachen in unserem Leben öffnet.
Martin Burger, Ahmedabad, 20. April 2005
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