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Asien 2010/11
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China Süd

 

Mit dem Erreichen von Chengdu gelangen wir in Chinas Flachland - so meinten wir jedenfalls. Was uns aber tatsächlich erwartete, ist eine äusserst hügelige Berglandschaft mit Pässen, schönen Flusstälern, mit unzähligen Dörfern und terrassierten Reisfeldern. Bei Macao erreichen wir das südchinesische Meer und ein mediterranes Flair in der ehemaligen Kolonialstadt. In Hongkong besorgen wir uns neue Visas und lassen uns im Grossstadtrummel treiben. Statt wie geplant mehr oder weniger direkt von Norden her nach Vietnam einzureisen, entscheiden wir uns für einen Umweg über Kunming.

 

 

 

21. November 2010 Ausgeruht und vollgefressen verlassen wir Chengdu. Es geht weiter in Richtung Südosten. Und raus aus den Bergen, rein in die Wärme. So jedenfalls unsere Absicht. Heute wissen wir: Auch kleine Berge gehen ganz schön in die Beine! Wir fahren durch eine Landschaft von unzähligen Hügeln. Später werden aus Hügeln Berge, und aus Steigungen Pässe. Abends haben wir jeweils genauso viele Höhenmeter auf dem Konto, wie während unseren Etappen in Osttibet. Wenigstens können wir jetzt noch von unserem Überschuss an roten Blutkörperchen profitieren.

 

 

Die Landschaft ist vielfältig und abwechslunsreich. Wir fahren durch Pfirsich-, Orangen- und durch Mandarinen-Gärten, vorbei an Bananen- und Dattelpalmen, durch Bambushaine und Föhrenwälder. Dazwischen auf jedem freien Quadratmeter Gemüsebeete und abgeerntete Reisfelder. Unendlich. Auf unserer 1:4 Millionen-Karte kommen wir kaum vorwärts. Zwei Zentimeter pro Tag, wenn's gut läuft.

 

Das schöne hier: Es gibt in allen grösseren Ortschaften gute Restaurants. Allerdings auch solche, die wir aufgrund ihrer Menukarte meiden. Es sind diejenigen Lokale, die mit einem frisch gesäuberten Skelett auf ihre Spezialität aufmerksam machen. Am knöchernen Schwänzchen eindeutig zu erkennen: Hundefleisch. Ohne uns! Wir sehen Hunde im Käfig, ausgeweidete am Haken, und jene in den Küchen. Was bleibt, ist immer ein leichter Ekel. Und trotzdem plädieren wir für Hundefleisch. Denn: Jeder Hund im Wok ist einer weniger auf der Strasse.

 

 

Und nebenbei: Jeder Lastwagen ohne Diesel ist einer weniger auf der Strasse. Nicht nur in Xinjiang. Mehr dazu hier. Danke an die Regierung!

 

Nach einigen Tagen erreichen wir die Hauptstadt der Provinz Chongqing. Eine Stadt, die seit den 90er-Jahren durch einen unglaublichen Bauboom vollständig umgekrempelt wurde. Das weltweit wohl berühmteste Gebäude der Stadt wurde allerdings abgerissen. Das sogenannte Nagelhaus musste nach erbittertem Widerstand des Besitzerehepaars einem der zahlreichen neuen Hochhäuser weichen.

Hier entscheiden wir uns gegen eine Dreischluchtenkreuzfahrt und für eine gemütliche Busfahrt nach Guiyang.

 

 

 

Unser Weg führt uns weiter durch eine von verschiedenen Minoritäten bewohnte Gegend, geprägt von kleinen intakten Bergdörfern und einer einfachen Landwirtschaft. Die Regierung hat nun den touristischen Wert dieser Gebiete erkannt und will damit Profit schlagen. Nicht schlecht staunen wir, als wir plötzlich in mitten einer chinesischen Touristengruppe ein Folkloreprogramm dargeboten bekommen. Besonders die Dörfer der Miao und der Yao werden wohl auf Druck der Regierung herausgeputzt und renoviert. Doch dies ist nicht zum vornherein schlecht: Neue Häuser werden hier ausschliesslich in traditionellem Stil und in fachlich korrekter Handarbeit erstellt. Baustellen riechen nach frischem Föhrenholz und Harz. Holzhäuser bestehen hier aus Holz - von Pseudo-Chalets wie in schweizer Touristenorten keine Spur.

 

In der Provinz Guangxi treffen wir nun definitiv auf die grossen Touristenströme. Die Orte Guilin und Yangshuo sind vollständig auf in- und ausländische Feriengäste ausgelegt. Wir machen mit, fahren mit dem Bambusfloss auf dem Lijiang, trinken überteuerten Kaffee, essen aber doch lieber chinesisch wie Pizza.

 

 

 

Unser Chinavisum läuft langsam aber sicher aus. Bis am 5. Dezember wollen wir nun die visafreie Zone von Macao und Hongkong erreichen. Hier müssen wir uns wohl oder übel wieder mal auf Konsulaten zeigen müssen. Neue Einreisebewilligungen für China und Vietnam stehen an.

 

Fotos

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4. Dezember 2010 Und das nach 240 Tagen unterwegs. In Istanbul haben wir natürlich bereits den Bosporus und das Marmarameer gesehen, aber am richtigen Meer, an dem sind wir jetzt. Die Strecke hierher war nicht sonderlich aufregend, aber durchaus von einer meist angenehmen Landschaft geprägt. Kilometerlange blühende Alleen, in perfekter Regelmässigkeit aufgeforstete Hügel, Dörfer wie sie überall in China stehen könnten, durchschnittliche Kleinstädte, herausgeputzte Grossstädte, Provinzstrassen, 10-spurige Boulevards und überdimensionierte Velowege, die andernorts Highways sein könnten. Von allem etwas.

 

Eine Episode wollen wir nicht verschweigen: In der typischen 500'000-Personen-Kleinstadt Heshan kaufen wir Feierabendbier und Nachtessen ein und finden kurz darauf ein Plätzchen neben einem riesigen Monument, auf feinstem Rasen und weg von der Strasse. Nicht perfekt zwar, aber mangels Alternativen ausreichend gut. Ausser einem (anderen) Liebespäärchen sind wir alleine hier. Später, bereits schon im Dunkeln erscheint die gongan, die Polizei - ein paranoider Chinese hat sie gerufen, weil es hier für uns viel zu gefährlich sei. China ist doch nicht gefährlich! Wir überzeugen die Uniformierten davon und sie ziehen bald von dannen. Doch der Typ ruft noch die jingcha, die "richtige" Polizei. Gleiches Spiel nochmals. Nach einigem hin und her setzen sich die fünf (!) Herren auf die Mauer und rauchen. Bald taucht ein Auto mit weiteren drei Personen in zivil auf. Die Leute von der Behörde für Ausländerfragen erklären uns äusserst freundlich, aber eindringlich, dass wir hier unmöglich bleiben können uns sie uns zu einem Hotel begleiten werden. Wieviel wir denn bezahlen wollen? Wir einigen uns auf 80 Yuan. Und so landen wir kurz vor Mitternacht im besten Hotel der Stadt, bekommen ein Zimmer mit Regenwalddusche und Frühstück inklusive. Und dies gerade für umgerechnet 12 Franken. Der grosse Rest wurde von unseren Begleitern bezahlt. So geht das!

 

Dann reisen wir aus der Volksrepublik aus und in die Sonderverwaltungszone Macao ein. Einst portugiesische Kolonialstadt, heute ein zweites Las Vegas. Ups, hier herrscht ja Linksverkehr! Und Velofahrverbote überall. Dafür Glanz und Glitzer wohin man schaut. In den Altstadtgassen geht's da schon gemütlicher zu und her. Diese heissen hier zum Beispiel Avenida da Amizade oder Rua de Cinco de Outubro und verleihen dem Ort ein unerwartet mediterranes Flair. Gesprochen wird Protugiesisch und Chinesisch, die Bevölkerung ist ein sonderbarer Mix aus Asien, Afrika und iberischer Halbinsel. Und das Highlight: gemütliche Cafés mit Espresso und Kuchen...

 

 

 

 

Mit der Fähre lassen wir uns über die Mündung des Perlflusses nach Hongkong chauffieren. Richtiges Seemansfeeling kommt hier jedoch nicht auf. Eher wie in einem Flugzeug flitzen wir im Schnellboot den Wolkenkratzern entgegen. Dafür gleicht unser Zimmer im Hostel einer Schiffskoje. Wir logieren in einer Innenkabine von ein paar wenigen Quadratmetern, mit einem Bad so winzig, dass man quer auf dem Topf sitzen muss. Aber man sagt, in Tokyo soll's noch enger sein.


Hongkong ist eine Mischung aus asiatischer Grossstadt und britischer Correctness. Der Strassenverkehr läuft dermassen geregelt, dass unser gewohntes "über die Strasse hühnern" bei den Autos schlecht ankommt. Und da sind natürlich auch die Shoppingmalls, die Luxusmeilen und die Wolkenkratzer, eindrücklich und imposant. Genau so, wie man es sich vorstellt. Am schönsten zu sehen als nächtliches Panorama vom Peak. In den Nebenstrassen dagegen herrscht in den Garküchen und Märkten das typische Treiben wie wir es kennen. Nur die Preise sind um mindestens das doppelte höher wie üblich in China. Und so ist das Menu in einer der aktuell 222 Filialen mit dem goldenen Doppelbogen tatsächlich eine der preiswertesten Alternativen...

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4. Dezember 2010 Dieses Mal gibt es in dieser Rubrik nicht viel zu berichten. Und wir freuen uns darüber. Hongkong scheint ein idealer Ort für anstehende Visa-Besorgungen zu sein, wenn auch nicht gerader der günstigste. Das Vietnam-Visum klebt nach 10 Minuten Wartezeit in unseren Pässen, das chinesische erhalten wir tags darauf. Keine schlechte Bilanz.

 

Consulate General of Vietnam, 15/F, Great Smart Tower, 230 Wan Chai Road, Wan Chai, Hong Kong, www.vietnamconsulate-hongkong.org, 30 Tage single entry, Express 500 HKD/70 USD, "Visum on arrival" nur bei Ankunft an internationalen Flughäfen www.myvietnamvisa.com

Chinesische Visas besorgt man sich am besten über eine der zahlreichen Agenturen oder im Hostel: 30 Tage single entry: Express 1 Tag ca. 500 HKD/70 USD, 90 Tage double entry: ca. 800 HKD/115USD

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Tachostand am 10. Dezember 2010, 12.00 Uhr:

 

10. Dezember 2010, 12.00 Uhr, genau hier Eigentlich wollten wir ja mehr oder weniger direkt von Norden her nach Vietnam einreisen. Unterwegs merkten wir jedoch, dass wir wohl etwas zu schnell unterwegs sind und entschieden uns - etwas grössenwahnsinnig - einen "kleinen" Umweg über Kunming zu machen. Und so sind wir nun viel weiter nördlich als vorgesehen und wieder mal mitten drin in den Bergen.

 

Was wir für heute nur vermuteten, hat sich mehr als bestätigt. Der Tag bescherte uns eine saftige Bergetappe mit unendlichen Steigungen. Eine wahnsinnige Strasse windete sich um die Gipfel karger Kalkkegel, hinter jeder Kurve eine neue Überraschung. Es hätte heute auch etwas weniger sein dürfen...

 

Und nun zur Auflösung von unserem Wettbewerb. Die Schätzfrage lautete:


Unser Kilometerstand an Sibylles und Martins Geburtstag um 12 Uhr Ortszeit? Die total kleinste Abweichung gewinnt.

 

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Zwischenrangliste vom 10. Dezember 2010

   
Abweichung
1. Elisabeth Kistler
+ 40 km
2. Esther Burger
- 60 km
3. Marianne Furrer
- 310 km
4. Stephan Morskoi
+ 740km
5. Marcel Gloor
- 810 km
6. Martin Bichsel
- 958.1 km
7. Janina Morskoi
- 997 km
8. Simone Frey
- 998 km
9. Andrea Jeremias
- 1010 km
10. Ruth Morskoi
- 1011 km
 

Gesamtrangliste

 
Abweichung gesamt
1. Marianne Furrer
474 km
2. Esther Burger
584 km
3. Elisabeth Kistler
766.5 km
4. Martin Bichsel
1'039.4 km
5. Tanja Frei
1'329 km
6. Ruth Morskoi
1'503 km
7. Janina Morskoi
1'712 km
8. Isabel Lerchmüller
1'881 km
9. Stephan Morskoi
2'304 km
10. Simone Frey
2'379 km

 

 

Wir gratulieren Marianne Furrer. Sie darf sich auf eine private Fotovorführung inklusive chinesischem Essen freuen. Den Rängen 2-10 winkt ein Mitbringsel aus einem der bereisten Länder.

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16. Dezember 2010 Normalerweise sehen wir die Expressways - so heissen die Autobahnen hier - nur von Weitem. Sie durchschneiden in tiefen Scharten Hügel oder graben sich durch Berge, sie führen in elegant geschwungenen Kurven durch Täler oder überbrücken dieselben auf hohen Viadukten. Wir dagegen, oft in Sichtweite zur Schnellstrasse, umfahren Hügel, erklimmen Pässe und rasen runter zu Flüssen, im Wissen um den sogleich folgenden Gegenanstieg. Und immer wieder Staub, Lärm und hupender Verkehr.

 

Die Strasse ausgangs Baise serviert uns gleich das volle Programm: Schlechter Belag, viele Lastwagen, dünnflüssiger Schlamm, überall Dreck. Gleich daneben jedoch erblicken wir neidisch ein frisch asphaltierter Expressway. Und ohne Verkehr.

Zeit, den Spiess umzudrehen! Bei der ersten Möglichkeit schwenken wir rüber und werden an der Holzschranke durchgewunken. Die Strasse ist zwar erst im Bau, aber grösstenteils schon gut befahrbar. Das wissen auch ein paar Einheimische mit ihren Motorrädern. Oft in Sichtweite sehen wir nicht ohne Schadenfreude die andere Strasse, wo sich Lastwagen durch knöcheltiefen Dreck wühlen. Unter unseren Rädern allerdings haben wir im schlechsten Fall rohen Beton, im besten Fall allerfeinster Asphalt. Dazu Ruhe, saubere Luft und Platz zum vergeuden. Immer wieder passieren wir Gruppen von Arbeiterinnen und Arbeiter, die an der endgültigen Fertigstellung des Werks beschäftigt sind.

 

Nun wissen wir: Eine Autobahn zu bauen bedeutet hierzulande enorm viel Handarbeit. Natürlich gibt es auch da schwere Bagger, Asphaltmaschinen und Walzen. Vieles kann aber mit einer nie versiegender Quelle an billigen Arbeitskräften verrichtet werden. Kilometerlange Gräben werden von Hand ausgehoben und darin Kanäle aus Naturstein gemauert, riesige Böschungen werden mit extrem aufwändig geschalten Betonstrukturen gesichert. Andere Flächen werden mit Netzen verkleidet und anschliessend von Frauen mit blossen Händen mit Lehm bepflastert und bepflanzt. Grasziegel werden sorgfältig im Mittelstreifen verlegt und tausende Bäumchen gepflanzt.
Zwei Szenen haben uns besonders beeindruckt: Eine Gruppe von vielleicht zwölf Frauen sitzt auf ihren Hockern und reinigt den Betonbelag mit Stahlbürsten, von Hand! Eine unendliche Büez. Darauf kommt ein Schwarzanstrich und der Asphalt. Trotz der eintönigen Arbeit gibt es viel zu lachen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Doch Fotografieren ist unerwünscht. Auf eine andere Gruppe treffen wir mitten in einem stockfinsteren Tunnel. Sie Wischen die Strasse in absoluter Dunkelheit! Unvorstellbar, ohne jegliches Licht!

Dazu kommt die schlechte Infrastruktur für Wohnen und Essen. Wie es scheint, schlafen all die Arbeiter in notdürftig erstellten Zelten am Baustellenrand, gekocht wird in einfachem Gehütt.

 

Nach etwa 150 Kilometer verlassen wir die Baustelle, beeindruckt vom Gesehenen.

 

Nun geniessen wir zwei ruhige Tage in Kunming, waschen, essen, shoppen, beobachten. Morgen geht's weiter in Richtung vietnamesische Grenze. Am 25. Dezember bekommen wir in Hanoi Besuch aus der Schweiz.

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12. Januar 2011 In China sind wir wärend gut hundert Tagen die Hälfte unser bisherigen Höhen- und Kilometer gefahren. In helvetischen Massstäben wären dies zum Beispiel über fünfzig Mal von Bern nach Zürich. Im europäischen Vergleich sind wir von Barcelona via Dänemark zum Nordkapp und gleich auch wieder runter nach Helsinki geradelt. Zusätzlich haben wir mit Bahn und Bus eine Strecke zurückgelegt, die der Distanz von Finnland zurück in die Schweiz entspricht.

So riesig das Land ist, so vielfältig sind dessen grossartige Landschaften. Sie reichen von reinster Sandwüste, über vergletschertes Hochgebirge bis zum tropischen Urwald. Und es gibt noch vieles, was wir noch sehen möchten.

 

China war für uns weniger fremd und exotisch als andere Länder zuvor. Sibylles Chinesischkenntnisse öffneten uns viele Türen und ermöglichte uns tiefere Einblicke in eine Gesellschaft, die so einfach nicht zu erfassen ist. Ihr Chinesisch wurde oft als hen bu cuo bezeichnet, was so viel bedeutet wie "sehr nicht schlecht" und trotz der abgemilderten Form als grosses Kompliment aufgefasst werden darf. Dass wir so auch mal mehr als beabsichtigt verstehen konnten, führte hie und da zu lustigen Situationen. So erklärte zum Beispiel eine Mutter ihrer Tochter: "Schau mal Kleine, das sind jetzt Ausländer!" Und oft wurden wir für Russen oder Amerikaner gehalten. Ganz ruhig wurde es jeweils, wenn sie in Mandarin unsere tatsächliche Herkunft erklärte. Dann lachten wir.

 

Unsere Velos wurden wie immer genaustens unter die Lupe genommen. Anders als bisher kam dabei jedoch oft die Frage, ob die dicke Nabe da hinten ein Elektromotor sei. Denn Velofahren ohne Zusatzantrieb kann man sich hier fast nicht mehr vorstellen. Das war einmal. Heute flitzt man lautlos auf Elektrovelos oder -Rollern durch die Strassen. Millionenfach bewährt und sehr zu Wohle unserer Atemwege. Natürlich kommt hierzulande der Strom noch immer vorwiegend aus Kohlekraftwerken, und die zahlreichen Batterien werden höchstwahrscheinlich nicht unter Laborbedingungen rezikliert. China investiert aber unvorstellbare Summen in erneuerbare Energien und ist der weltweit grösste Hersteller von Photovoltaikmodulen und Windturbinen. Wasserkraftwerke gibt es überall wo genügend Wasser zur Verfügung steht. Zudem steht ganz selbstverständlich auf jedem zweiten Haus ein Solarboiler zur Warmwasseraufbereitung. Günstig, low-tech, bewährt. China hat erkannt, dass sein Wirtschaftswachstum langfristig nur mit alternativen Energien zu halten ist. Und Europa rühmt sich noch immer mit fortschrittlichen Technologien, in Kleinstserien und zu unverschämt hohen Preisen. Ein Elektrovelo kostet im chinesischen Carrefour umgerechnet 300 Franken, in der Schweiz das günstigste Modell von Flyer das Zehnfache!

 

Ein Land mit 1.4 Milliarden Einwohnern verfügt über ein schier unerschöpfliches Reservoir an Arbeitskräften. In einem unvorstellbaren Bauboom stampfen Millionen von Wanderarbeiter Hochhäuser und Wohnparks aus dem Boden, bauen Expressways und tausende Kilometer perfekter Eisenbahnstrecken. Ganze Heerscharen von vorallem Arbeiterinnen wischen Strassen oder bemalen die Alleebäume mit weisser Farbe. Sogar Brücken werden mit Wasserkessel und Bürste geschrubbt.

 

Im Gegensatz zu uns scheinen Chinesen immun gegen Lärm zu sein. Weder die allgegenwärtigen syntetischen Melodien aus Handys, Alarmanlagen und Rückwärtsgängen, noch das ohrenbetäubende Gehupe aller Vekehrsteilnehmer scheint sie zu kümmern. Besonders Bus-Chauffeure in freier Wildbahn neigen zu paranoiden Verhaltensweisen und fokussieren ihre gesamte Aufmerksamkeit dem lärmerzeugenden Horn, statt sich auf eine rücksichtsvolle Fahrweise zu konzentrieren.

 

Nach Stunden in Staub und Lärm gibt es aber hierzulande ein sicheres Mittel gegen Velomüdigkeit. Es sind die vielen Restaurants, die fast überall zu kulinarischen Höhenflügen einladen. Praktisch ausnahmslos haben wir ausgezeichnet gegessen. Jede Menge frisches Gemüse, feines Fleisch und Reis soviel man mag. Gewürzt mit ausreichend Chilli, Knoblauch und Ingwer. Auf dem Tisch steht Natriumglutamat, und noch mehr Chilli. Das aus europäischer Sicht hochwertige Fleisch ist preislich günstig. Jenes, welches man eigentlich nicht mehr als solches bezeichnen kann, zäh und mit vielen Knochen, sowie sämtliche Innereien gelten als Spezialitäten zu einem entsprechenden höheren Preis. Die Chinesen bestellen gerne eine riesige Auswahl an Gerichten. Eigentlich leicht nachvollziehbar bei all den feinen Sachen. Schon fast dekadent finden wir, dass einige der Speisen kaum angerührt und anschliessend den Sauen im Hinterhof zum Frass vorgesetzt werden. Nicht dass wir etwas gegen gutgenährte Schweine hätten. Aber solange draussen Menschen den Müll nach Essbarem durchsuchen, bestellen wir nur was wir aufzuessen vermögen und geniessen auch den letzten Rest.

 

 

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NZZ am Sonntag, 7. August 2011
 
 Osttibet Vietnam 
 
 © weitweg.ch | letzte Aktualisierung: 15.11.2011